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Umjubelte Premiere von „Gertrud“ in Bad Bentheim

 Premiere von „Gertrud“ in Bad Bentheim
Prachtvolle Kostüme und der Charme der Bühne machten das Stück zu einem Erlebnis.
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  • Prachtvolle Kostüme und der Charme der Bühne machten das Stück zu einem Erlebnis.
  • „Bombenberend“: Manfred Klinke spielte von Galen (links), Axel Sigwart war als Graf Ernst Wilhelm von Bentheim zu sehen.
  • Die Patres im Kloster Frenswegen beten für den Sieg des Katholizismus.
  • Uta Rosenski brillierte in der Rolle der „Gertrud“.
  • Eine Kutsche mit Pferden durfte bei dem Historienspiel auf der Freilichtbühne nicht fehlen.

Das Historienspiel „Gertrud“ feierte am Mittwochabend auf der Freilichtbühne bei klarem Frühlingswetter seine Premiere. Nach zwei Stunden gab es stehende Ovationen vom Publikum.

Bad Bentheim. Alle 1254 Plätze waren bei der Premiere besetzt, als die Freilichtbühne das Historienspiel „Gertrud“ uraufgeführt hat. In zwei Stunden Spielzeit gelang es dem engagierten Ensemble, die Zeit der Religionskämpfe in der Grafschaft unterhaltsam und informativ in Szene zu setzen.

Die Grafschaft war keineswegs immer ein weltoffener Ort der Glaubensvielfalt. Wie erbittert und brutal unsere Vorfahren die Kämpfe um die richtige Religion ausgefochten haben, veranschaulicht das Stück eindrucksvoll. So zeigt es regionale Geschichte sehr spannend und macht sie einem breiten Publikum bekannt. Dass mit Gertrud van Zelst eine Frau, Niederländerin und Bürgerliche gegenüber den mächtigen Männern aus Adel und Kirche Rückgrat und moralische Integrität bewies, ist auch heute, 350 Jahre nach den historisch belegten Ereignissen, spannend. Die Arbeit, die Autor Jürgen Schevel für das Schreiben der Theaterfassung investierte, hat sich daher gelohnt. „Gertrud“ entstand nach Vorlage des Romans „Die Gräfin von Bentheim. Erzählung aus der Kampfzeit der reformierten Kirche“, den der Schüttorfer Justian G. Mülder 1878 geschrieben hatte.

Der Inszenierung ist es gelungen, die komplexe Geschichte der Gegenreformation auf den gräflichen Hof von Bentheim zu konzentrieren. An Schauplätzen wie der Burg Bentheim, dem Schloss Steinfurt und dem Kloster Frenswegen lassen mehr als 70 Mitwirkende die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts lebendig werden. Bernd Aalken, seit 32 Jahren künstlerischer Leiter der Waldbühne Ahmsen, inszenierte jetzt zum ersten Mal an der Freilichtbühne seiner Heimatstadt Bad Bentheim. Als Erzähler aus dem Off fasste er die Handlung zwischen den Jahren 1661 und 1685 mehrfach zusammen, sodass sich das Spiel auf 19 ausgewählte Szenen konzentrieren konnte.

Die unterschiedlichen Glaubensfragen spielen immer die zentrale Rolle. Der Bentheimer Graf Ernst Wilhelm und die Einwohner der Grafschaft Bentheim bekennen sich seit 1588 zum reformierten Glauben. Der im katholischen Fürstbistum Münster regierende und militärisch geprägte Bischof Bernhard von Galen will den Protestantismus eindämmen und den Einfluss der evangelischen Niederlande zurückdrängen. Mit einer List gelingt es ihm 1668, Graf Ernst Wilhelm zum Katholizismus zu bekehren. Gertrud dagegen verteidigt ihren reformierten Glauben. Es kommt zu Streit, Intrigen und Entführungen, bis Gertrud mit ihren Kindern in die Niederlande flieht. Die gräfliche Familie bleibt getrennt. Erst Jahrhunderte später können die Nachfahren von Gertrud und Ernst Wilhelm das Erbe auf der Burg Bentheim antreten. Auch die heute fürstliche Familie verfolgte das Stück über ihre gräflichen Vorfahren am Mittwoch inmitten der voll besetzten Ränge.

Von den beiden herausragenden Hauptdarstellern wird die Inszenierung getragen: Axel Sigwart als Graf Ernst Wilhelm und Uta Rosenski als Gertrud. Obwohl Gertrud die zentrale Figur des Stückes ist, erhält sie erst nach der Pause mehr Kontur. Der erste Teil ist stark von den machtbewussten Männern geprägt, Gertrud als intelligente und strategisch denkende Frau bleibt lange unscharf. Das arbeitet Uta Rosenski dafür im zweiten Teil eindrucksvoll heraus – und darauf fußt letztlich das gesamte Stück. Sie weiß, was sie will, während Axel Sigwart den Grafen als wankelmütig und beeinflussbar präsentiert. Die innere Entwicklung der Figuren und ihre Motivation für ihr Handeln kann das Stück auch aufgrund der großen Zeitspanne nur andeuten. Das ist schade, insgesamt bleibt „Gertrud“ aber ein historisches Zeugnis, wie sich Macht und Glaube in der Grafschaft bekämpft und behauptet haben.

Das Stück kommt natürlich auch deshalb so gut beim Publikum an, weil zahlreiche Bürger aus Politik und Gesellschaft in kleinen Rollen mitspielen. Beispielswiese, wenn mehrere Bentheimer Lokalpolitiker, darunter Bürgermeister Volker Pannen, als Patres im Kloster Frenswegen für den Sieg des Katholizismus beten. Auch das Publikum reagierte amüsiert auf die vielen Spitzen der Reformierten gegen Katholiken und umgekehrt. Manfred Klinke überzeugt, fanatisch und strategisch zugleich, als Bischof von Münster, sekundiert von Ernst Schröder als intrigantem Kanzler des Grafen. Auch die vielen kleineren Rollen, deren Darsteller hier nicht alle genannt werden können, sind gut besetzt und bereichern das Stück mit ihrer liebevollen Ausgestaltung. Häufiger Szenenapplaus belohnte die Akteure.

Zwei Kutschen mit vier imposanten schwarzen Arabofriesen aus Haselünne sowie vier Reiterinnen aus der Grafschaft bringen Pomp und Dynamik in die Szenerie. Theater ist live, und so produzierten drei Pferde gleichzeitig zur Freude des Publikums ihre Pferdeäpfel mitten auf die Bühne.

In der Dämmerung entfaltet die Freilichtbühne ihren ganzen Charme in den von der Bühnentechnik schön ausgeleuchteten Orten. Die Aufführung lebt von schönen, detailreichen Szenen (Bühne und Requisiten: Hein Schlüter) und prächtigen Kostümen. Rosemarie Meyenberg und Elske Reisgies haben mit neun Kolleginnen besonders zauberhafte Roben genäht: Geistliche mit schmucken Talaren und gerüschten Halskrausen, Soldaten mit blankem Helm und farblich abgestimmter Uniform, Bedienstete in fein genähter Arbeitskleidung sowie Samt, Seide und prächtige Schuhschnallen bei den Edelleuten. Kompliment!

Donnernde Kanonenschüsse ließen auch das Publikum hören und fühlen, wie brutal um Religion und Macht gekämpft wurde. Der Aufführung (Projektleitung: Ernst Schröder, Bernd Aalken, Reinhard Jansen und Jürgen Schevel, Regieassistenz: Christiane Lüth) merkte man an, dass die Beteiligten mit Spaß und Herzblut bei der Sache sind. Der lange und stehende Applaus am Schluss war hoch verdient. Dass dieser anspruchsvolle historische Stoff um den Religionsunfrieden in der Grafschaft so gefällig, leicht und unterhaltsam inszeniert wird, ist außerdem ein gelungener Beitrag zur lokalen Geschichte.

Der Besuch lohnt sich, zwei weitere Aufführungen gibt es am 30. Mai und 6. Juni, jeweils um 20 Uhr

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"Gertrud" feiert Premiere auf der Freilichtbühne Bad Bentheim
Bad Bentheim: Neben dem Musical "Linie 1" und dem Kinderstück "Simba - König der Löwen" wird erwartet die Zuschauer das Historienspiel "Gertrud".

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Premiere Historienstück "Gertrud"

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Die Meinung unserer Leser

1 Leserkommentar

1. | Rudolf Kreft | Freitag, 29.05.2015 | 23:26 Uhr

Diese Aufführung war für uns , für Christel und für Rudi, ein absoluter Volltreffer . Die Umsetzung der Historie in ein verständliches " Drehbuch" ,die bildübergreifende Regie, hervorragende Kostüme und die außergewöhnlich guten schauspielerischen Leistungen aller Akteure haben uns an einem sehr schönen Theaterabend inmitten der " Bentheimer Bergwelt " teilnehmen lassen. Herzlichen Glückwunsch allen Beteiligten für eine Aufführung die uns in nachhaltiger Erinnerung bleiben wird. Diese Aufführung gehört als Pflichtveranstaltung in die Agenda aller entsprechend vor= bereiteter Schulklassen Das war Spitze!!!! ,


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