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Hass-Mails: Ehemaliger SPD-Chef vermisst Amt

s: Ehemaliger SPD-Chef vermisst Amt
Der ehemalige SPD-Vorsitzende von Bocholt, Thomas Purwin, in der Innenstadt in Bocholt: Der Politiker war nach Hassmails gegen ihn und seine Familie zurückgetreten. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Dann eben Karneval und Familienzeit statt Einmischen und Gestalten: Hass-Mails mit Drohungen gegen seine Tochter und Frau hatten den Bocholter SPD-Chef zum Rücktritt gebracht.

dpa Bocholt. Der Absender hat sich tief in seine Erinnerung gegraben: Von „adolf.hitler“ kam im Oktober 2016 die erste von vielen anonymen E-Mails mit wechselndem Absender, die das Leben des Münsterländer Kommunalpolitikers Thomas Purwin verändern sollten. In unzähligen Mails überzogen ihn seither Unbekannte mit Morddrohungen, wüsten Beschimpfungen, rechter Hetze.

Rund vier Wochen ist es her, dass er schließlich sein Amt als SPD-Vorsitzender im kleinen Städtchen Bocholt aufgab. Mit Attacken, die sich schließlich auch gegen seine Familie richteten, hatten die Hetzer Purwin zum Rückzug gebracht. Für das Ehrenamt habe er nicht sein privates Glück aufs Spiel setzen wollen, lautet seine klare Begründung bis heute.

Wie es ihm seither ergangen ist? „Durchwachsen“, antwortet der 35-Jährige. Im noch jungen Jahr 2017 schwanke sein Gemütszustand zwischen Erleichterung und Wehmut. Noch eine Hass-Mail tröpfelte nach, dann nichts mehr. Er habe jetzt viel Zeit für die Familie, auch wieder Zeit für sein Hobby: Purwin ist Karnevalist aus Leidenschaft, kann sich wieder der Betreuung der Tanzgarde widmen. Der Mann mit dem rundlichen Gesicht wirkt entspannt, lacht viel, grüßt beim Gang durch die Stadt jeden vierten Passanten. Man kennt den Standesbeamten und Ex-SPD-Chef im 74 000-Einwohner-Ort.

„Teil meines Lebens“

Doch zur Wahrheit gehört auch das Vakuum, das entsteht, wenn ein Kommunalpolitiker mit Leib und Seele beschließt, dass ihn das politische Stadtgeschehen nichts mehr angeht. „Mir fehlt die Politik. Es ist mir schon ein Teil meines Lebens genommen worden.“ Engagement für seine Stadt, sich einmischen, das sei ihm immer wichtig gewesen. Seit 2005 ist er SPD-Mitglied, übernahm schnell Verantwortung bei den Jusos, später wurde er Parteichef. „Hier vor Ort kann ich was verändern“ - was genau, versuchte er aktiv bei Facebook zu vermitteln. Dort über aktuelle Themen aus dem Rat zu berichten, auch mal zu streiten, das sei sein Steckenpferd gewesen. Doch auch damit ist es nun erstmal vorbei: „Ein paar Neujahrsgrüße von der Familie oder so, ansonsten halte ich mich in den Sozialen Medien bedeckt.“

Rückblick: Hetze gegen das „rote Gesocks“ kannte Thomas Purwin schon lange bevor ihn die erste Morddrohung erreichte. Hass-Mails gegen den Bürgermeister und den Kämmerer der Stadt wandern seit 2015 auch über seinen Schreibtisch im SPD-Büro. Als auch er selbst vor Monaten erstmals zur Zielscheibe wird, beginnt eine Zeit der Beklemmung, erinnert sich Purwin. „Man wird vorsichtiger, unsicherer, schaut sich dreimal um, wer hinter einem steht.“

Nach Einschätzung der Amadeu Antonio Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Rechtsextremismus entgegenzutreten, haben Hasstiraden gegen Politiker und Ehrenamtler in den vergangen Jahren zugenommen.

Tonfall verschärft

Vor allem der Tonfall habe sich deutlich verschärft, sagt Simone Rafael, Chefredakteurin des Onlineportals der Stiftung. „Das hat mit inhaltlicher Auseinandersetzung vielfach nicht mehr viel zu tun“, sagt sie. Wenn dann noch, wie zu beobachten sei, reale Übergriffe zunähmen, werde aus Droh-Mails eine „krasse persönliche Belastung“.

Purwin weiß, was die latente Angst mit einem macht. Als auch seine zweijährige Tochter und seine Lebensgefährtin mit abscheulichen Drohungen bedacht werden, zieht er die Konsequenz. „Für mich war klar: Für mein Ehrenamt riskiere ich nicht die Ruhe in meiner Familie.“ An seiner Entscheidung können auch nicht jene rütteln, die sie als Kapitulation vor Rechts und mögliche Ermunterung der Täter kritisieren. „Von mir aus, sollen sie das als Sieg feiern. Meine Entscheidung bereue ich kein bisschen.“

Wer hinter den verbalen Attacken steckt, ist völlig unklar. Die Ermittlungen gestalteten sich schwierig, heißt es beim Staatsschutz in Münster. Die Täter hätten ihre Identität im Netz gut verschleiert. Purwin will die Hoffnung dennoch nicht aufgeben. „Auch wenn ich nicht weiß, ob und wann: Ich freue mich schon drauf, denjenigen oder diejenigen einfach mal nach dem Warum zu fragen“, sagt er.

In einem bleibt sein Handeln trotz des Rückzugs ins Private dann doch sehr politisch: Purwin versteckt sich nicht, stand Journalisten bewusst immer wieder Rede und Antwort. „Ich will der Gesellschaft zeigen, dass da was schief läuft – und zwar nicht nur irgendwo im Osten, sondern eben auch hier bei uns im kleinen Bocholt, im Münsterland, überall. Wir müssen zurück zu einer vernünftigen Diskussionskultur.“

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