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Kamal findet in der Grafschaft eine neue Heimat

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Kamal in der Druckerei bei den GN. Fotos: Schulte-Sutrum/privat

Kamal Ahmi ist von Syrien in die Grafschaft geflüchtet. Hier erhält der 22-Jährige viel Unterstützung und möchte sich schnell integrieren. Mit GN-Szene spricht er über seine Flucht und sein neues Leben.

Wasser, Essen, Ausweis, Handy, ein paar Schuhe und wenig Kleidung – mehr konnte Kamal Ahmi aus Syrien nicht in seine Reisetasche packen. Sein Ziel: Deutschland. Familie und Freunde musste er zurücklassen, sein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Damaskus aufgeben. Krieg, Terror und die Zwangsverpflichtung, für das Militär zu kämpfen, zwangen den damals 21-jährigen Kurden, seine Heimat zu verlassen. Das war im Mai vergangenen Jahres. Bis zu seiner Ankunft in Deutschland sollten mehr als drei Monate vergehen. Seine Flucht führte über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich, ehe er endlich seinen Onkel in Schüttorf wiedersah, der bereits seit 17 Jahren in der Grafschaft Bentheim lebt.

Das Boot kenterte bei einer griechischen Insel

Während des Gesprächs mit GN-Szene berichtet Kamal ruhig und in gutem Deutsch über seine Erlebnisse. Doch ab und zu muss er innehalten, zu präsent sind die Bilder der Flucht in seinem Kopf. Am Schlimmsten hat sich die Erinnerung an eine vierstündige Bootsfahrt in sein Gedächtnis gebrannt. 1000 Euro musste Kamal für die Überfahrt an einen Schleuser zahlen. „Ein Freund von mir war seekrank und musste sich oft übergeben. Ich hatte Angst, dass mir dasselbe passiert“, sagt Kamal. Er harrte unter Deck des Kutters aus, das vom türkischen Izmir eigentlich zum griechischen Festland unterwegs war. Doch das acht Meter lange und eineinhalb Meter breite Boot, der mit knapp 60 Leuten heillos überfüllt war, kenterte bei einer griechischen Felsinsel.

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In Sicherheit: Kamal ist froh, in Griechenland wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

In den Wochen darauf folgten endlos lange Fußmärsche entlang von Landesgrenzen, durch riesige Wälder und Dörfer. Kamal war oft in Begleitung syrischer Landsleute unterwegs, die er allerdings nicht kannte. Irgendwann ging das Geld aus. Zum Glück konnte ihm sein Bruder Geld überweisen. Manchmal aß er tagelang nichts. Die Polizei ließ Kamal und seine Wegbegleiter oft weiter ziehen, nachdem sie ihnen Reisepapiere ausgestellt hatte. Doch in Ungarn wollten die Ordnungshüter Kamals Fingerabdrücke, um ihn dort zu registrieren. Asyl in Deutschland hätte Kamal somit nicht mehr bekommen können, daher weigerte er sich. Um ihn umzustimmen, sperrte ihn die ungarische Polizei ein, berichtet Kamal. Nach drei Tagen ohne Wasser und Nahrung war der Syrer sehr schwach. „Das nutzten sie aus. Sie konnten problemlos meine Fingerabdrücke nehmen.“ Danach ließ die Polizei Kamal weiterziehen.

„Ich war so müde“

Tage später erreichte er Deutschland mit dem Zug, den er in Österreich genommen hatte. Aus Schüttorf gab er seiner Mutter in Syrien Bescheid, dass er endlich bei seinem Onkel angekommen war. „Danach fiel ich ins Bett. Ich war so müde.“ Doch schon nach kurzer Zeit in Schüttorf musste sich Kamal in der Erstaufnahmeeinrichtung in Bramsche melden. „Man kann sich nicht vorstellen, wie viele Leute dort waren!“, erinnert sich der jetzt 22-Jährige. Einen Monate und zehn Tage musste er dort in einem Zelt warten, ehe er sein erstes Interview bekam. Ein zweites Gespräch folgte wenige Wochen später. Der Grund war ein Brief mit der Nachricht, dass Kamals Fingerabdrücke in Ungarn registriert sind und er dorthin zurück müsse. „Ich sagte zu der Sachbearbeiterin in Bramsche: In Ungarn ist es so schlimm – dann gehe ich lieber zurück nach Syrien.“ Die Bearbeiterin hatte allerdings gute Nachrichten für ihn: Er darf in Deutschland bleiben. Erst mal für drei Jahre.

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Eine frisch gedruckte Zeitung schaut sich Kamal mit Fabio Castilho von den GN in der Druckerei an.

Seit Anfang März lebt Kamal in Nordhorn in einer Wohngemeinschaft mit einer deutschen Frau, die ihm gerne helfen will. Außerdem erhält er viel Unterstützung von Grafschafter Familien. So sammelte ein Chor der Baptisten-Gemeinde in Nordhorn, in dem Kamal jetzt auch singt, 700 Euro für den Syrer. Das Geld war für einen Rechtsanwalt bestimmt, der ihn dabei unterstützen sollte, nicht wieder nach Ungarn zu müssen.

Deutschlernen mithilfe des Internets

Die deutsche Sprache hat sich Kamal selbst beigebracht und beherrscht sie schon ziemlich gut. Er nutzte dafür vor allem das Internet. „Es ist wichtig, Deutsch zu können. Nur so kann man sich integrieren“, findet Kamal. Für ihn sind Werte wie Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit außerdem sehr wichtig, die er auch an den Deutschen schätzt. Vor Kurzem machte er ein Praktikum bei den Grafschafter Nachrichten und bekam einen Überblick in alle Abteilungen. Das Praktikum vermittelte ihm die Agentur für Arbeit. Zurzeit geht es mit Sprachunterricht bei der Volkshochschule weiter.

Vorerst möchte Kamal nicht nach Syrien zurückkehren – auch nicht, wenn wieder Frieden herrschen sollte. Schon bald will er gerne in Deutschland Wirtschaftswissenschaften weiterstudieren. „Dann möchte ich eine gute Arbeit finden und meine Familie nach Deutschland holen“, plant Kamal. Endlich kann er wieder zuversichtlich in die Zukunft schauen: „Wenn man ein Ziel hat und etwas wirklich will, dann kann man es erreichen – mit dem Glauben an sich und an Gott.“

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Die Meinung unserer Leser

12 Leserkommentare

1. | Reinhard Limp | Sonntag, 17.07.2016 | 18:20 Uhr

Mich würde ja mal interessieren, warum so ein junger Mann seine Heimat nicht verteidigen braucht. Unsere Väter, Großväter wären noch in derselben Minute erschossen worden, hätten sie sich von der Truppe entfernt.

2. | Observator | Sonntag, 17.07.2016 | 18:40 Uhr

Seine Heimat verteidigen in einem Bürgerkrieg? Wo man kämpfen soll, obwohl man nicht für die Ziele eintreten kann, die man vielleicht verteidigen möchte. Man stelle sich vor man lebt im Gebiet des IS oder von Assads Regierungstruppen und soll dort an Gräueltaten mitwirken. Das soll das Ziel sein? Was ist mit Soldaten, die sich nicht an Verbrechen Nazideutschlands beteiligen wollten. Sind wahrscheinlich in ihren Augen Fahnenflüchtige, die erschossen gehören. Man wat krude Gedanken.

3. | Observator | Sonntag, 17.07.2016 | 18:46 Uhr

@Reinhard Limp : Wenn der auf mehrere wie Ihnen trifft, ist er bald wieder weg. Wie kann man nur so verbohrt sein.

4. | anando | Sonntag, 17.07.2016 | 20:41 Uhr

@ Reinhard Limp: Warum fragen Sie ihn nicht persönlich nach seinen Beweggründen und stellen ihm Ihre Frage ganz direkt ?! Er spricht lt. Artikel gut Deutsch und über die Eckdaten aus dem obigen Artikel könnten Sie bestimmt unschwer einen Kontakt zu ihm herstellen bzw. ein Gespräch mit ihm arrangieren.

5. | Mo Mentmal | Sonntag, 17.07.2016 | 21:22 Uhr

@1: Wie kommt man zu solch kruden Gedanken? Was treibt einen an wenn man so etwas auch noch hier postet.


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