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Neues Buch von Mazhar Kugu aus Bad Bentheim

h von Mazhar Kugu aus Bad Bentheim
Viele schöne Erinnerungen an seiner Zeit als Lehrer in Bad Bentheim hat Mazhar Kugu, auch wenn es nicht immer leicht war und er mit Vorurteilen zu kämpfen hatte.Foto: Burkert

Seit über 40 Jahren lebt der Lehrer für Türkisch und Islamkunde schon in Bad Bentheim. In seinem neuen Buch beschreibt er sehr anrührend Vorurteile, und wie Integration gelingen kann.

Bad Bentheim. Mazhar Kugu ist ein politischer Mensch, seine kritische Haltung hat ihm nicht immer geholfen. Dennoch fährt er ohne Angst im Juni mit Kindern und Enkelkindern in die Türkei. „Wir sind und bleiben ein sehr gastfreundliches Land, schon deshalb müssen sich Touristen keine Sorgen machen, alles andere ist Politik“, sagt er gestern zum Ergebnis des Referendums in seinem Heimatland. Er wundert sich auch nicht, warum so viele der in Deutschland lebenden Türken für „eine Diktatur statt einer Demokratie“ gestimmt haben. Viele Leute würden Erdogan mögen und hätten leider nicht bedacht, was eine Ja-Stimme eigentlich bedeutet. Viele Türken in Deutschland würden sich hier immer noch diskriminiert fühlen und sähen in Erdogan einen Verteidiger. Zudem habe der viel Druck gemacht, das habe der Opposition keine Chance gelassen. Es habe zu einer „unfairen Wahl“ geführt. Besser fände es Kugu ohnehin, wenn seine Landsleute in Deutschland hierzulande mehr mitbestimmen können, auch wenn sie nicht die doppelte Staatsangehörigkeit hätten.

Sein neues Buch beschreibt Ungerechtigkeiten sehr genau. Aber nicht nur deshalb ist Mazhar Kugu ein bewegendes Stück Literatur gelungen mit „Verborgene Geschichten“. Voller Herzenswärme hat der Pensionär als sensibler Beobachter fröhliche, dramatische und traurige Geschichten zusammengetragen, die vor allem eines belegen: Das Leben ist voller Zufälle, für Ausländer und Deutsche. Unterrichtet hat Kugu in Bad Bentheim und Schüttorf. Doch die Orte (und auch Jahreszahlen) werden kaum je direkt genannt. Und auch die Namen sind weitgehend verändert. Dennoch leistet Kugu etwas Generalisierendes mit seinen Miniaturen, denn sie handeln davon, wie er sich als Übersetzer, Diplomat und Ratgeber in schwierigen Lagen durchs Leben schlägt. Aber er übt auch Kritik an Schulleitern und Lehrerkollegen, aber auf seine leise Art. Wie viel Verantwortung er gespürt hat für seine Schüler, das merkt man, wenn er an jenes geschlagene Mädchen zurückdenkt, das sich im Heim wohl und beschützt gefühlt hat. Doch die Eltern schafften es, sie in die Türkei zurückzubringen, wo sie nach zwei gescheiterten frühen Ehen in der Prostitution landet. Noch heute denkt Mazhar Kugu manchmal: Er hätte sich noch mehr einsetzen müssen, um genau das zu verhindern.

Ohne Bad und Heizung

Die in zwei Jahren zusammengetragenen 232 Seiten sind ein kleines und feines Dokument deutscher und Grafschafter Zeitgeschichte. Nicht zufällig stellt der Pensionär das Motto des Schriftstellers Max Frisch an den Anfang: „Wir riefen Arbeitskreiskräfte, aber es kamen Menschen!“ Zwei Jahre lang hat Kugu ab 1973 selbst erlebt, wie schwer der Anfang für viele türkische Gastarbeiter war: Der ausgebildete Lehrer sammelte in der Automobilindustrie, in einer Traktorenfabrik und in einem Möbelwerk Erfahrungen als Hilfsarbeiter. Er lebte mit seinen Kollegen in Behausungen, die niemand mehr wollte, oft ohne Bad und Heizung. Die türkischen Eltern, oft beide berufstätig, waren mit der Kindererziehung überfordert, delegierten an ältere Kinder viel zu viele und zu große Aufgaben. Kugu beschreibt sehr anschaulich, warum solche Kinder verhaltensauffällig werden – und wie leicht es manchmal sein kann, durch gezielte Hilfen ihnen wieder Lebensfreude zu schenken und Mut für die Zukunft zu machen. Weil man sie nicht gleich abschreibt, sondern sieht: Können sie erst einmal die Sprache, sind sie nicht dümmer als die anderen – und gehören deshalb nicht gleich auf eine Sonderschule, weil Lehrer es sich einfach machen.

Es ist eine der wichtigen Erkenntnisse, die auch in der derzeitigen Flüchtlingsdebatte hilfreich sein könnte. Wenn man nur die Zeit hätte, genau hinzuschauen. Das tut Mazhar Kugu und entlarvt Ausländerfeindlichkeit ebenso wie die Vorurteile von Ausländern gegenüber Deutschen – worüber er am liebsten sein nächstes Buch schreiben würde.

Gespräche gesucht

Vor allem hat Kugu erlebt, wie wichtig Bildung ist. Auch deshalb hat er immer wieder Gespräche mit den Schülern, ihren Eltern oder Klassenlehrern gesucht. Er hat immer gespürt, wie viel Gerechtigkeitsempfinden seine Schüler auszeichnet – und wie schnell sie sich fürs Lernen und Verantwortungsübernahme begeistern lassen, wenn man sie nur wirklich ernst nimmt. Und dabei ist der ehemalige Pädagoge froh über jede Unterstützung, über kleine Gesten ebenso wie enge Freundschaften zwischen Deutschen und Türken jenseits aller religiösen Unterschiede und gestützt auf pure Mitmenschlichkeit. „Integration funktioniert nur in beide Richtungen, wenn alle versuchen, einander zu verstehen“, sagt er im Gespräch mit den GN. Dabei sei vor allem eines wichtig: Keiner dürfte so tun, als sei seine Kultur besser.

Über Politik steht nichts in seinem Buch, jedenfalls nicht direkt. Aber indirekt gibt es viele Hinweise, woran das Verhältnis von Deutschen und Ausländern (hier vor allem den Türken) krankt. Das schmerzt bisweilen sehr. Doch dann machen die Geschichten wieder Mut, dass es genügend Menschen gibt, die sich von Vorurteilen nicht abschrecken lassen. „Wir sind doch alle Menschen“, sagt Mazhar Kugu im Gespräch. Das strahlen seine Geschichten aus. Deshalb hätte das Buch auch „Wahre Schätze“ heißen können.

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